Das heterotopisch Andere – Literarische Heterotopien im Diskurs über das Andere
Seit Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit eigen- und fremdkulturellen Wahrnehmungsmustern steht die Frage nach Repräsentationsmöglichkeiten des Fremden noch im Zentrum kulturwissenschaftlicher Fragestellungen. Aus der Perspektive ständiger Grenzverschiebungen und ihrer Folgen bei Ausprägung kultureller Wahrnehmungsvarianten wird in Heterotopia die bisher noch nicht systematisch beantwortete Frage nach seiner Umsetzung bei der Analyse literarischer Text diskutiert. Bisherige Theorien – „Orientalismus“ und „Migrationsliteratur“ – haben eine verwirrende Mischung von Analysesystemen mit Folge einer von außen her bestimmten Kulturation von literarischen Texten erzeugt. In Heterotopia wird gezeigt, dass Texte nicht zwangsläufig durch subjektive soziopolitisch und national motivierte Kulturwahrnehmungen etikettiert werden sollen, sondern selbst eine eigene Kultur mit perspektivischer Vielfältigkeit bilden, die Differenzen wie Ähnlichkeiten an einem Ort außerhalb ihres Existenzorts vereint. Der Text als Ort der Interaktionen von Eigenem und Fremdem schafft eine Kultur, in der sich Handlungen und Begegnungen außerhalb ihres Befindlichkeit-Ortes vollziehen können. Dieses Verfahren kennzeichent den Text als einen heterotopischen Ort. Ausgehend von Foucaults Heterotopie-Idee, Barthes’ Textverständnis und Welschs Konzept der „Transkulturalität“ geht es in Heterotopia darum, den Tex-Ort insofern als heterotopisch aufzufassen, als er nicht wie in der traditionellen Narrativ einem Nacheinander, sondern einem Nebeneinader von zeitlich nicht miteinander unmittelbar verbundenen Elementen Vorrang gibt.
Literarische Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit
Die ästhetische Dimension von Erinnerung und Identität findet im Medium der Literatur ihre äußere Verdichtung. Die Ästhetisierung von Lebenserfahrungen vollzieht sich in Autobiographie als literarischer Gattung. Literatur wird traditionellerweise als etwas definiert, was von fiktiven Ereignissen und Personen handelt und deshalb mit der historischen Realität kaum zusammenhängt. Von der Autobiographie hingegen wird die Wahrheit des Erzählten in der nicht-fiktiven Welt erwartet. Dies leitet zu Überlegungen über die Fiktionalität und Authentizität sowie zu ihrer in der Tradition der Autobiographie-Forschung angenommenen Opposition. Das literarische Verfahren – die Poetisierung der Lebensgeschichte – steht im Zentrum des Projekts. Dabei ist die Schnittstelle von Literatur, Erinnerung und Identität hervorzuheben. Ausgegangen wird von Fragen danach: Wie vollzieht sich der Erinnerungsprozess in literarischen Texten und welchen Wert haben Erinnerungen für das kulturelle Gedächtnis? Können Rückschlüsse durch die Untersuchung literarischer Texte auf die Gedächtnis- und Identitätsdiskurse ihrer Entstehungszeit gezogen werden? Wie verweisen textuelle Konfigurationen auf ihre erinnerungskulturellen Präfigurationen? Welche Rolle spielen literarische Texte bei dem Zusammenspiel von Erinnerung und Identitätsbildung.
Publications: Tafazoli, H. (2012): „Formen von Gedächtnis und Erinnerung in Beim Häuten der Zwiebel und Die Box“, German Quarterly 85.3 (Summer 2012). pp. 328-349.
Tafazoli, H. (2012): „,Der Vergangenheit Sonnenstrahl‘. Erinnerungsarbeit und Identitätsbildung in Werthers Schreiben“, Literatur für Leser. In: Literatur für Leser 12.1 (2012). pp. 1-16.
Tafazoli, H. (2010): „Erinnerungskultur und antike Identitätsmuster. Herders Mythologisierung der Monumente von Persepolis“. In: Herder Jahrbuch X. pp. 83-112.
Heterotopien in Kultur und Gesellschaft
Literarische Texte und Film als ästhetische Orte zur Beschreibung der Andersartigkeit stehen hier im Mittelpunkt des Interesses und werden u.a. als Möglichkeit zur Darstellung von u.a. kulturellen Differenzen behandelt. Basierend auf der Erkenntnis, dass kulturelle Grenzen keineswegs mit geographischen, politischen und nationalen Grenzen identisch sind, werden Literatur und Film nach wie vor als Medien kultureller Identitätsbildung aufgefasst, jedoch mit dem Unterschied, dass diese Identität durch mehrere unterschiedliche Parameter und nicht eindimensional gebildet wird. Die ästhetische Dimension von Kultur und Identität findet in Literatur und Film als Medium ihre äußere Verdichtung. Die Generalfrage, die hier zugrunde gelegt wurde, lautet deshalb, welche Rolle diese Medien bei dem Zusammenspiel von Kultur und Identitätsbildung spielen. Sind Literatur und Film Medien der Repräsentation außerliterarischer Welten, oder soll sich das Interesse nach dem Zusammenhang zwischen Konfiguration und Refiguration richten und Literatur und Film als Medien der Konstruktion von Kultur und Identität erscheinen lassen? Welche Funktion kann Literatur für die Herausbildung, Modellierung, Veränderung, Destruktion und Neubildung von Kultur und Identität erfüllen? An diesen Fragen orientiert, werden die Mischungsverhältnisse in der Kultur, Gesellschaft und Kunst im Rahmen von Michel Foucaults Heterotopie-Konzept diskutieren.
Publication:
Tafazoli, H.; Gray, Richard T. (2012): Außenraum – Mitraum – Innenraum. Heterotopien in Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Aisthesis.
Der deutsche Persien-Diskurs
Bei diesem Projekt handelt es sich um mein Dissertationsprojekt. Hier habe ich versucht, im Rahmen der Diskurstheorie das Entstehen eines Persien-Bildes in Europa mit einem Blick auf Deutschland von der Frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert zu ermitteln. Dabei stehen Reiseberichte sowie andere literarische Texte (Lyrik, Drama etc.) im Vordergrund. Das Persien-Bild in der deutschen Literatur erweist sich im europäischen Kontext der frühen Neuzeit als eine Erscheinung, die ihre Schwerpunkte in merkantilen und moralisch-geistigen Prozessen hat. Sie werden hier aus kulturwissenschaftlicher Sicht erforscht. Als ebenfalls unerforscht galt Persien bisher in den Studien der Komparatistik, obschon dieses Land und seine Kultur in der Kultur- und Geistesgeschichte Deutschlands frappierende Spuren hinterlassen haben. Ich habe nachgewiesen, dass das Zeitalter, in dem sich unser Denken in das Globale weitet, dem Grundgedanken der Aufklärung folgt, jedoch in einer anderen Dimension. Im Schrifttum des 18. Jahrhunderts nämlich bereitete Persien der Idee einer ästhetischen ‚Weltvereinigung‘ einen fruchtbaren Boden. Heute sprechen wir von Interkulturalität und Transkulturalität, von Nationalität und Internationalität. Und dennoch stehen wir vor der Frage nach dem Eigenen und dem Fremden – nach Alterität und Identität. Unbedacht wird nach dem utopischen Raum gesucht, an dem sich das Eigene und das Fremde zu einem globalen Ganzen fügen. Wir suchen aber das Fremde, indem wir zu uns finden. Diese Reise geht nicht allein in die fern liegende Fremde, sondern auch in das unbekannte Eigene, das aber weniger im Reisenden selbst zum Tragen kommt als vielmehr im Raum der Ferne, den er bereist.
Publication:
Tafazoli, H. (2007): Der deutsche Persien-Diskurs. Zur Verwissenschaftlichung und
Literarisierung des Persien-Bildes im deutschen Schrifttum von der frühen Neuzeit bis in das neunzehnte Jahrhundert. Bielefeld: Aisthesis.